Dienstag, 8. Juli 2014


Interviews (26)

Heute: Alfred Biolek

Alfred Biolek wurde 1934 in Freistadt im heutigen Tschechien geboren. 1946 von dort vertrieben, beginnt er 1954 ein Jurastudium, das er 1963 erfolgreich abschließt. Im selben Jahr wird er Justitiar beim ZDF, moderiert jedoch schon bald vor der Kamera. Über die Bavaria in München kommt er Anfang der 1970er zum WDR nach Köln. Sein erster großer Fernseherfolg wird ab 1976 die Talkshow „Kölner Treff“, und spätestens ab den 80er Jahren ist Biolek in der deutschen Fernsehunterhaltung fest verankert. Sendungen wie „Bios Bahnhof“ „Bei Bio“, „Mensch Meier“ oder „Boulevard Bio“ laufen über Jahre. Auch die Kochsendung „Alfredissimo“ (1994-2006) wird ein Dauerbrenner.
Alfred Biolek lebt - nach einigen Jahren in Berlin - seit 2010 wieder im Belgischen Viertel.

Er ist nicht mehr ganz so agil wie früher - klar, der Mann wird 80. Aber wenn es um seine Themen geht - die Fernsehunterhaltung, das gute Essen - blüht er auf wie eh und je.

Irgendwo zwischen Gespräch und Interview ...


Warum sind Sie in den frühen 1970ern nach Köln gekommen?

Weil ich damals zum WDR gewechselt bin. Vorher war ich kurz beim ZDF und dann bei der Münchner Bavaria.

Hatten Sie eine Vorstellung von dieser Stadt?

Nein, überhaupt nicht. Aber letztlich war ich ja dann sehr lange und gern hier.

Sie gelten als Ästhet, Köln gilt als nicht gerade hübsch. Warum sind Sie geblieben?

Naja, ich habe immer für den WDR gearbeitet, und das ist nunmal ein Kölner Sender. Auch meine eigene Firma habe ich hier gegründet.

Ihre Kochshow „Alfredissimo“ hätten Sie auch in einer Berliner Studioküche drehen können.

Aber Köln gefiel mir zu gut. Hier gab es Orte wie das alte Senftöpfchen, in dem ich 1973 meine erste Talkshow „Wer kommt, kommt“ gemacht habe. Aus der entwickelte sich dann 1976 der „Kölner Treff“, den ich zusammen mit Dieter Thoma moderierte.

Bis 2010 haben Sie einige Jahre in Berlin verbracht. Wie kann man sich Ihr Leben dort vorstellen?

Um auch dort Menschen um mich zu haben, habe ich sie zu mir eingeladen und für sie gekocht. Das war oftmals ein großer Kreis von vielleicht 15 Leuten. Aber als ich neulich nochmal in Berlin war, da war das Schönste das Schild „Zug nach Köln“ (lacht). Meine echten Freunde leben in Köln, und dorthin bin ich dann nach meinem Treppensturz 2010 auch zurückgekehrt. Die Jahrzehnte hier haben mich mit der Stadt eng verbunden.

Können Sie mit diesen klassischen Kölner Symbolen - der Rhein, der Dom, der FC - etwas anfangen?

Nein. Den Dom und den Rhein finde ich schon schön, aber den FC? Ich weiß noch nicht einmal, ob man „Fußball“ mit F oder V schreibt. (lacht) Mich hat mal ein Freund gefragt, wie oft ich beim Fußball war. Nie, habe ich geantwortet, aber wie oft warst du in einer Oper?

Sie haben 1983 den Alten Wartesaal renovieren lassen. Um damit Geld zu verdienen oder um der Stadt ein historisches Gebäude zu bewahren?

Zum Geldverdienen schon mal gar nicht. Das war ein wunderschöner Raum, in dem ich ein ebenso schönes Lokal eröffnen wollte. Die Atmospähre dort, auch wegen der Lage direkt an Dom und Bahnhof, ist etwas ganz Besonderes.

Als ehemaliger Restaurantbesitzer und Moderator einer Kochsendung: Haben Sie eine Meinung zu Flönz, Himmel un Ääd oder Rheinischem Sauerbraten?

Nein, das interessiert mich nicht. Wenn diese Gerichte irgendwo auf den Tisch kommen, esse ich die wohl. Aber nicht bewusst. Und was Pferdefleisch betrifft: Das gab es auch mal in meinen Sendungen, aber eine echte Leidenschaft ist da bei mir nie erwacht.

Beim ZDF, noch in den 1960ern, hieß eine Sendung von Ihnen „Tipps für Autofahrer“. Sind Sie in der Werkstatt genauso gut wie in der Küche?

Überhaupt nicht. Die haben mir gesagt, ich soll das moderieren, also hab ich´s getan. Immerhin war das meine allererste Sendung, bis dahin hatte ich in der Rechtsabteilung gesessen.

Sie sind studierter Jurist, genau wie John Cleese, den Sie mit den Monty Pythons 1970 nach Deutschland geholt haben. Ein echter Coup, wie ich finde.

Die Bavaria hat mir damals alle Freiheiten gelassen. Du willst diese englischen Komiker nach Deutschland holen? - Okay, dann tu das! Damals wurden die Zuschauer noch per Telefon befragt und konnten zwischen +10 und -10 wählen. Die Montys landeten bei -7, und trotzdem haben wir noch eine zweite deutsche Show mit ihnen produziert.

Waren diese Jungs so lustig wie in ihren Sketchen?

Oh ja, und darüber hinaus sehr freundschaftlich. Eines Tages wollte ich mal meine Ruhe haben und nicht mit ihnen ausgehen in München. Aber abends schlugen dann kleine Steinchen an mein Fenster. Und unten standen die Montys und wollten nicht ohne mich auf Tour gehen.

Wie haben Sie diese Truppe eigentlich entdeckt?

Diese Frage ist mir schon sehr oft gestellt worden, aber es tut mir leid: Ich kann sie nicht beantworten. Ich weiß es einfach nicht, vielleicht habe ich mal in einem Londoner Hotel den Fernseher angemacht.

Wie kam es zum ersten Kontakt?

Ich habe mich an deren Büro gewandt. Zunächst hieß es: Nein, die wollen nicht aus England weg, aber wir können uns mal treffen. Damals gab es im BBC-Gebäude noch eine richtige Bar, und nach Unmengen Gin Tonic wurden wir uns schließlich einig.

Engländer halt ...

Der Mann von der Bavaria wollte später gar nicht glauben, dass ich diesen Deckel mit lediglich fünf Leuten gemacht hatte. Am Ende des Abends jedenfalls sagten die Montys: Wir kommen nicht nach Deutschland, aber wir kommen zu dir.

Sie wollten als Kind unter anderem Priester werden und sagen im Nachhinein, davon stecke noch manches in Ihnen. Was genau?

Heutzutage nichts mehr, ich gehe auch nicht mehr zu Gottesdiensten. Schon während des Studiums war das vorbei. Zunächst bin ich ja dann auf Jura umgeschwenkt, aber irgendwann vor dem zweiten Staatsexamen wurde mir klar: Ich muss auf die Bühne, ich will entertainen!

Priester sind auch Entertainer, da oben auf ihrer Kanzel.

Eine gewisse Nähe besteht, das will ich nicht leugnen.

Eigentlich haben Sie in Ihren Shows nie einfach nur Fragen gestellt, sondern stets eher Gespräche geführt. War das Konzept?

Ich habe tatsächlich keine Interviews geführt, sondern Gespräche! Im Interview leiert man seine Fragen herunter. Im Gespräch jedoch können Sie ein ganz anderes, tieferes Interesse an Ihrem Gegenüber entwickeln. Die Fragen stellt man dann aus dem Zusammenhang heraus und nicht nur, weil man sie vorbereitet hat.

Hat diese Gespräche Alfred Biolek geführt oder ein Moderator, in dessen Rolle Sie geschlüpft sind.

Das war immer ich selbst.

Sie unterscheiden in diesem Zusammenhang gern zwischen „offen“ und „öffentlich“, zwischen „privat“ und „persönlich“.

Persönlich bedeutet für mich, dass man solche Gespräche immer von der Person aus führt. Dieser Mensch, mit dem ich mich da unterhalte, interessiert mich. Interviews hingegen kann man auch mit Leuten führen, die einem weitgehend egal sind.

Rede ich jetzt gerade mit dem offenen oder dem öffentlichen Alfred Biolek?

Das kommt immer auf Ihre jeweilige Frage an. (lacht)

Neben dem Bildungsanspruch zeichneten sich Ihre Shows und Gespräche immer auch durch ein auffälliges soziales Engagement aus. Sie haben bei „Boulevard Bio“ zum Beispiel Obdachlose eingeladen.

Mich hat immer die Mischung gereizt. Dass man in einer Woche dem Dalai Lama oder Vladimir Putin gegenübersaß und in der nächsten einem aidskranken Kind oder einer Mutter, die eine Totgeburt hinter sich hatte, machte für mich die Stärke der Sendung aus.

Könnte man Shows wie „Bios Bahnhof“ oder „Bei Bio“ heute auch noch so bringen?

Weiß ich nicht. Aber ich kann Ihnen sagen: Das Fernsehen von heute ist nicht mehr meines! Wäre ich noch einmal jung, würde ich nicht wieder beim Fernsehen anfangen. Vielleicht würde ich´s eher Richtung Kino oder Theater versuchen ...

... oder als Priester ...

Naja, das dann doch nicht. Es ist gar nicht so, dass ich alles schlechter finde, was heute läuft. Aber ich passe dort nicht mehr hin.

Könnte man sagen: Es werden keine Gespräche mehr geführt, sondern nur noch Interviews?

Hm, ja, das vielleicht auch. Aber schauen Sie einmal: Meine Talk- genauso wie meine Kochshow waren immer die einzigen ihrer Art in der Woche. Heute gibt´s davon jeden Tag vier oder fünf - das ist eine völlig veränderte Fernsehwelt.

Sie haben auch ein paar Jahre an der Kölner Kunsthochschule für Medien gelehrt. Was haben sie den Studenten dort übers TV-Leben erzählt?

Ganz allgemein habe ich ihnen gesagt: Wie man Fernsehen macht, lernt ihr besser beim Sender als hier im Seminarraum. Aber wichtig ist die Haltung, mit der man an seine Arbeit herangeht. Ich habe versucht zu erklären, warum ich meine Sendungen so gemacht habe, wie sie dann waren.

Vermissen Sie, kurz vor dem 80. Geburtstag, Ihr altes Fernsehleben?

Nein. Aber sagen wir so: Wenn ich stattdessen 60 würde, wäre das vielleicht etwas anderes.

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